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Fibromyalgie




Etwa zwei bis fünf Prozent der Erwachsenen Bevölkerung sind von Fibromyalgie betroffen. Die Erkrankung, früher auch als „Weichteilrheuma“ bezeichnet, kennzeichnet sich durch Muskel- und Skelettschmerzen am gesamten Körper, zusammen mit einer Reihe anderer Symptome. Trotz intensiver Forschung ist der genaue Auslöser einer Fibromyalgie nicht bekannt. Man geht heute von einer Kombination aus Stress, Umweltfaktoren und Veränderungen von Botenstoffen im Gehirn aus, die das Beschwerdebild verursachen.


Was ist Fibromyalgie?


Fibromyalgie bedeutet „Faser-Muskel-Schmerz“. Betroffene leiden unter diesen Schmerzen, die ohne erkennbaren Auslöser oder äußeren Schmerzreiz entstehen. Die Ärzte H. Smythe und H. Moldofsky beschrieben 1977 erstmals die Fibromyalgie als eigenes Krankheitsbild. Sie untersuchten eine Gruppe von Patienten, die unter chronischen Schmerzen ohne sichtbaren Auslöser litten und zusätzlich weitere Symptome wie starke Tagesmüdigkeit und wenig erholsamen Schlaf zeigten. Nachdem sie diese Kombination von Symptomen, die früher unter vielen verschiedenen Begriffen wie zum Beispiel „Fibrositis“, „Weichteilrheuma“ oder „Neurasthenie“ zusammengefasst wurden, als eigenständiges Krankheitsbild identifizierten, gaben Smythe und Moldofsky ihr den Namen Fibromyalgie.


Was sind die Symptome der Fibromyalgie?


Das Hauptsymptom der Fibromyalgie sind chronische Schmerzen. Die Schmerzen sind über den gesamten Körper verteilt und werden von Betroffenen als tiefsitzend, brennend und beißend beschrieben. Zusätzlich zu den generalisierten Schmerzen kommt eine erhöhte Empfindlichkeit an verschiedenen Druckpunkten am Körper, den sogenannten „tender points“. Diese können im Bereich des Nackens, der Schulter, der Hüfte, den Armen und den Knien liegen.


Fibromyalgie-Patienten klagen neben den Schmerzen häufig über weitere Symptome. Zu ihnen zählen:


  • nichterholsamer Schlaf
  • Tagesmüdigkeit (Fatigue)
  • Störungen des Gedächtnisses und der Konzentration
  • Störungen des Magen-Darm-Traktes und beim Wasserlassen
  • Kopfschmerzen und Störungen des Bewegungsapparates

Oft berichten Patienten von einer „Morgensteifigkeit“ von Muskeln und Gelenken, die erst Stunden nach dem Aufstehen wieder verschwindet.


Wie entsteht die Fibromyalgie?


Die Ursachen der Fibromyalgie sind Gegenstand aktueller Forschung und noch nicht vollständig verstanden. Eine Kombination verschiedener Faktoren wird diskutiert:


  • Umweltfaktoren und Gene
  • Stressverarbeitung
  • Entzündungs-Botenstoffe

1) Umweltfaktoren und Gene


Fibromyalgie-Patienten berichten in ihrer Vorgeschichte oft über Virusinfektionen, z.B. mit dem Epstein-Barr-Virus oder dem Hepatits-C-Virus und über gehäufte soziale und familiäre Belastungen.


Da Fibromyalgie innerhalb einzelner Familien gehäuft auftritt, wurde die Vermutung angestellt, dass auch bestimmte Gene einen Einfluss auf die Entwicklung der Fibromyalgie haben. Hier wurden vor allem Gene für Rezeptoren von Botenstoffen, zum Beispiel ein Serotonin-Rezeptor und ein Dopamin-Rezeptor, identifiziert.


2) Stressverarbeitung


Patienten, die unter Fibromyalgie leiden, haben in ihrer Kindheit häufiger körperlichen oder sexuellen Missbrauch erfahren. Außerdem haben sie ein höheres Risiko, an einem posttraumatischen Belastungssyndrom zu erkranken. Man erklärt diese Tatsache mit einer Veränderung der Stressantwort des Körpers, die unter anderem durch eine veränderte Reaktion auf das Stresshormon Cortisol ausgelöst wird.


3) Entzündungs-Botenstoffe


Bei der Fibromyalgie kommt es im Gehirn von Betroffenen zu einer vermehrten Produktion von Entzündungs-Botenstoffen, den sogenannten proinflammatorischen (entzündungsfördernden) Zytokinen. Eine Ausschüttung solcher Botenstoffe führt unter anderem zu einer verstärkten Schmerzwahrnehmung des Körpers. Man geht davon aus, dass die vermehrte Ausschüttung der Zytokine zu einer Art Sensibilisierung führt, durch die spätere Stressreaktionen verstärkt werden.


Wie stellt der Arzt die Diagnose Fibromyalgie?


Um die Diagnose Fibromyalgie zu stellen, muss der Arzt das Vorliegen einiger Kriterien prüfen, die 2010 vom American College of Rheumatology aufgestellt wurden. Hierzu muss der Arzt den Widespread-Pain-Index (WPI) und die Symptomschwere-Skala bestimmen.


Widespread-Pain-Index
(Anzahl der Areale, in denen der Patient in den letzten drei Wochen Schmerzen hatte, je ein Punkt)
Symptomschwere-Skala
(Fatigue, unerholtes Aufwachen, kognitive Symptome, allgemeine Beschwerden)
Schultergürtel links, Schultergürtel rechts Schweregrad für jedes der 4 genannten Symptome anhand folgender Skala:

0: keine Beschwerden
1: unbedeutend oder leicht, unregelmäßig
2: mittelgradig, beträchtliche Probleme
3: schwer, tiefgreifend, kontinuierlich, lebenseinschränkend
Hüfte links, Hüfte rechts
Kiefer links, Kiefer rechts
Oberer Rücken, Unterer Rücken
Oberarm links, Oberarm rechts
Oberschenkel links, Oberschenkel rechts
Unterarm links, Unterarm rechts
Unterschenkel links, Unterschenkel rechts
Brustkorb
Nacken
Bauch

Tab.1: Widespread-Pain-Index und Symptomschwere-Skala


Die Diagnose Fibromyalgie ist zu stellen, wenn:


  • Ein WPI größer 6 und eine Symptomschwere-Skala größer 4 oder ein WPI zwischen 3 und 6 und eine Symptomschwere-Skala größer 9 vorliegen
  • Die Beschwerden seit mindestens drei Monaten vorliegen
  • Keine Erkrankung bekannt ist, die die Schmerzen anderweitig erklären kann

Wie wird die Fibromyalgie behandelt?


Die Therapie der Fibromyalgie setzt sich aus medikamentöser Therapie, Verhaltenstherapie und Bewegungstherapie zusammen.


1) Medikamentöse Therapie


Die wichtigsten Medikamente zur Behandlung der Fibromyalgie sind Medikamente, die auch in der Behandlung der Depression eingesetzt werden, sogenannte Antidepressiva. Diese Medikamente, zu denen zum Beispiel das Trizyklische Antidepressivum Amitriptylin gehört, beeinflussen den Haushalt von Botenstoffen im Gehirn, die als Neurotransmitter bezeichnet werden. Durch diese Beeinflussung erhofft man sich ein Nachlassen der Fibromyalgie-Symptome. Neben den Trizyklischen Antidepressiva kommen auch andere Klassen dieser Medikamente, zum Beispiel selektive-Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (SSRI) zum Einsatz. Diese Medikamente verhindern die Wiederaufnahme des Botenstoffes Serotonin durch bestimmte Zellen und erhöhen so dessen Konzentration im Gehirn.


Auch krampflindernde Medikamente, sogenannte Antikonvulsiva, kommen zum Einsatz. Zu diesen Medikamenten, die häufig bei Patienten mit chronischen Schmerzen verschrieben werden, zählen unter anderem Pregabalin und Gabapentin.


In einigen Fällen zeigen klassische Schmerzmittel, wie zum Beispiel das schwache Opioid Tramadol, Wirkung.


Diese Medikamente sind allerdings nur in den USA, nicht jedoch in Europa zur Behandlung der Fibromyalgie zugelassen. Ärzte können sie trotzdem verschreiben, allerdings kann das nur in genauer Absprache mit dem Patienten geschehen und wenn der Arzt selbst die Verantwortung für mögliche Nebenwirkungen auf sich nimmt. Eine solche Verschreibung, ohne dass ein Medikament für die Behandlung eines Krankheitsbildes zugelassen ist, wird als „Off-label-use“ bezeichnet.


2) Verhaltens- und Bewegungstherapie


Die Kombination dieser beiden Therapieformen hat in Studien nachweislich eine anhaltende Verbesserung der Fibromyalgie-Beschwerden gezeigt. Außerdem kann die Verhaltenstherapie helfen, den Umgang mit der Krankheit im Alltag zu erleichtern und das Krankheitsbewusstsein positiv zu beeinflussen. Zu den bewegungstherapeutischen Maßnahmen zählen unter anderem Muskeltraining und Dehnungsübungen, Spa-Therapie, Kälte- und Wärmeanwendungen und Krankengymnastik.


Die Fibromyalgie ist eine chronische Erkrankung, die für Betroffene große Herausforderungen mit sich bringt und deren Behandlung schwierig ist. Doch sogar in schweren Fällen kann durch Zusammenarbeit von Ärzten, Physiotherapeuten, Verhaltenstherapeuten und Patienten eine Besserung der Beschwerden erreicht werden.


Quellen:


Späth, M. (2011). Fibromyalgie. Zeitschrift für Rheumatologie, 70(7), 573-587. Link: http://link.springer.com/article/10.1007%2Fs00393-011-0783-9 (Abstract, voller Text nur mit speziellem Zugang abrufbar), aufgerufen am 26.01.16


Wolfe, F., Clauw, D. J., Fitzcharles, M. A., Goldenberg, D. L., Katz, R. S., Mease, P., ... & Yunus, M. B. (2010). The American College of Rheumatology preliminary diagnostic criteria for fibromyalgia and measurement of symptom severity. Arthritis care & research, 62(5), 600-610. Link: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/acr.20140/epdf, aufgerufen am 26.01.16


Mease, P. (2005). Fibromyalgia syndrome: review of clinical presentation, pathogenesis, outcome measures, and treatment. The Journal of Rheumatology, 75, 6-21. Link: http://www.jrheum.org/content/supplements/75/6.short (Abstract, voller Text nur mit speziellem Zugang abrufbar), aufgerufen am 26.01.16


Model, A. N. B. (2004). Fibromyalgie als Störung der zentralen Schmerz-und Stressverarbeitung. Link: https://www.researchgate.net/profile/Ulrich_Egle/publication/8662696_Fibromyalgia_as_a_dysfunction_of_the_central_pain_and_stress_response/links/0912f50125ccdcce42000000.pdf, aufgerufen am 26.01.16




Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel beinhaltet lediglich allgemeine Hinweise und Beschreibungen zum Thema Fibromyalgie. Er eignet sich nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung und kann einen Arztbesuch auf keinen Fall ersetzen.


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